Rollen I

Rollen und Job

Die gute Nachricht: Ich kann sie wieder loswerden.

Diejenigen, die mit kleineren Kindern zu tun haben, werden es am ehesten nachvollziehen können:  Wir sind von klein auf in Rollen unterwegs. Kinder tun nichts lieber als sich zu verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen. Später verlieren wir die Leichtigkeit im Spiel mit Rollen oder verlernen es gleich ganz. Rollen zementieren sich  im Alltag. Wir verfallen in die immer gleichen Muster. Täglich grüßt das Murmeltier…

Eine Kundin berichtet von handfesten Mitarbeiterkonflikten. Lösungsversuche über Verständnis und Gesprächsangebote haben nicht weitergeführt. Dennoch kommt die Rolle der Klartext sprechenden Chefin nicht vor. Ansagen sind im Rollenmodell nicht wirklich vorgesehen. Allerdings auch nicht unbedingt in der Organisationskultur.

Manchmal ist es auch so, dass eine Rolle, die einige Zeit gut und passend war, nicht mehr sitzt. Der Job hat sich verändert, die Anforderungen, die Erwartungen und die Aufgaben. Dann müssen wir die Rolle ändern. Wird aus der Projektmitarbeiterin eine Teamleiterin, taugt womöglich die Rolle der Gewissenhaften nicht mehr, um das Team erfolgreich zu steuern.

Die gute Nachricht: Eine Rolle habe ich nicht, ich wähle sie. Ich kann sie auch wieder loswerden oder verändern.

Stories

Mathilda, Ende 20, arbeitet nach einem Einstieg als Praktikantin seit drei Jahren in einer internationalen Organisation; ein all-inclusive-Paket, das es in sich hat.

Während eines Seminars mit dem gesamten Team fährt ihr ein Kollege vor allen anderen über den Mund: „Der Vorschlag ist längst vom Tisch. Wir lassen hier keinen hängen!“ Sie hatte einen gut begründeten Vorschlag zur Optimierung eines Prozesses gemacht. Vom Tisch war gar nichts und hängen lassen wollte sie auch niemanden.

Wie hat sie reagiert? Fassungslos. Sprachlos. Und dann schaltete sie in den Erklärmodus. Sie rechtfertigte sich. Ihre Rollen? Die Assistentin, die Perfekte, die Sorgfältige, die alles im Griff Habende… Eine Situation, die sie viel zu gut kennt…

Die schlechte Nachricht: Es gibt Rollen, die uns nicht guttun.

Lieblingsrollen und Hassobjekte – Wann sitzt meine Rolle?

Was muss gegeben sein, damit eine Rolle für uns gut und richtig ist? Dazu etwas Theorie, nämlich ein Rollenmodell, das zwischen der Person, der Rolle und der Funktion unterscheidet.

Die Person ist der Begriff für all das, was ich bin, was mich ausmacht. Werte eignen sich gut dazu auszudrücken, was mich ausmacht. Werte sind Gründe. Sie bilden die Basis, auf der meine Person steht. Die Person ist niemals die Rolle, aber sie wirkt in ihr nach.

Die Frage nach der eigenen Funktion ist meist leicht zu beantworten. Wir wissen genau, was unsere Aufgabe ist. Sie ist (mehr oder weniger genau und aktuell) in einer Stellenbeschreibung niedergeschrieben. Die Funktion ist nie wertebezogen, sondern zweckbezogen. Sie ist an Vorschriften, Pflichten, Regeln, Gesetze gebunden. Die Funktion begrenzt die Rolle und gibt ihr eine Art Rahmen, in dem wir uns mit unserer Rolle bewegen können.

Die Rolle bringt beide Player zueinander. Sie ist das Bindeglied. Meist unbenannt. Namenlos. Sie ist nicht vorgeschrieben, sie kann und muss selbst gewählt werden. Mit Hilfe der Rolle nehmen wir eine Funktion wahr, dies tun wir auf unsere Weise. Mit den jeweils eigenen Werten.

Die Rolle steuert die Spielräume zwischen den beiden anderen Playern. Aktiv, verantwortlich und zunächst einmal frei. Dieses Konzept unterscheidet sich von anderen rollentheoretischen Konzepten, in deren Mittelpunkt die soziale Rolle mit ihren Rollenerwartungen als mehr oder weniger festgefügtes Korsett steht.

Der Rollenbegriff kommt ursprünglich aus dem Theater: Es gibt eine Figur, die im Textbuch eines Theaterstücks festgehalten ist. Diese soll bestimmte, niedergeschriebene Sätze sprechen. Das entspricht der Funktion. Daneben gibt es die Schauspielerin mit ihrem Können, aber auch ihren Werten und ihrer Haltung gegenüber der Figur. Die Rolle ist schließlich das, was wir konkret auf der Bühne sehen können – das Lebendigwerden einer Figur aus dem Textbuch durch eine konkrete Person. Erst die „Rolle“ macht die Figur des Textbuches für andere sichtbar. Und genau darum geht es auch im Beruf.

Macht Euch also auf die Suche nach euren Rollen. Den Lieblingsrollen ebenso wie den Haßobjekten.  Das ist der erste Schritt, um Rollen und Rollenverhalten zu verändern. Wie? Das steht im nächsten Text.